Chronik des Wasserbeschaffungsverbands Windhausen
(Rede von Bernd Schablowski vom 24. April 2000)
Im Jahre 1955, somit 5 Jahre vor der Gründung des Verbandes, bestand das Dorf Windhausen aus 42 Wohnhäusern, in denen ca. 350 Einwohner in 55 Familien lebten. Die Infrastruktur des Dorfes wurde im wesentlichen von der zentral gelegenen Kirche in der Ortsmitte, der Schule, der Dorfschänke, sowie einem Lebensmittelgeschäft geprägt.
In 7 landwirtschaftlichen Betrieben, die den strukturellen Schwerpunkt des Dorfes ausmachten,wurden ca. 70 Stück Großvieh und ca. 140 Stück Kleinvieh versorgt. Zur Eigenversorgung hielten fast alle Familien in ihren Häusern und Stallungen Kühe, Ziegen und Hühner, im eigenen Garten wurde Gemüse, Kartoffeln und Obst angebaut.
Im Jahre 1950 kam der erste PKW ins Dorf, ein VW-Bus von Otto Rauterkus, später ein V'W-Käfer von Albert Hüttemann.
Die Worte Telekommunikation, Internet und Handy waren unbekannte Begriffe, denn es gab im ganzen Dorf nur ein zentrales öffentliches Telefon im Hause der Familie Zacker/Mürmann.
Jedes Haus hatte seinen eigenen Brunnen mit unterschiedlichster Wasserqualität und Wasserquantität. Das eigene Brunnenwasser reichte in den Sommermonate oft nicht aus, um die Familie und den Viehbestand zu versorgen.
Die Brunnen wurden teilweise durch Zuflüsse von Straßenwasser, sowie mit Jauche und Abwasser aus dem eigenen Haus oder Stall stark verunreinigt.
Dieses belastete Trinkwasser war teilweise ungenießbar und führte nachweislich in einigen Familien zu Krankheiten, wobei viele der Dorfbewohner gegen diese Schadstoffe immun wurden. Alte Aufzeichnungen beschrieben die Trinkwasserversorgung, insbesondere in trockenen Perioden, als katastrophal und bedrohlich für Mensch und Tier.
Aus dieser Not heraus wurden bereits 1950 im Weidekamp sowie der Reutebäumen (unterhalb der Schützenhalle) und 1956 im Tale (Dahl, unterhalb von Keseberg) erste Schürfungen zur Quellfassung vorgenommen. Das aus den Quellen gespeiste Wasser wurde immer wieder durch das aufgetriebene Vieh verunreinigt.Trotzdem erfolgte der Transport dieses Quellwasser in Behältern jeglicher Art mit Pferdefuhrwerken/Eselskarren nach Windhausen, damit die Versorgung von Menschen und Tieren gesichert war.
Im Jahre 1957 führte ein sehr trockener Sommer zu einer dramatischen Wasserknappheit. 75% der Brunnen waren trocken, die letzten Wasservorräte ungenießbar und Fördermengen der Schürfungen mit 15 cbm am Tag reichten nicht aus, um den Tagesbedarf von ca. 31 cbm für Mensch und Tier zu decken - der Wassernotstand war ausgebrochen. Die Quelle, bzw. der der verbleibende Rinnsal im Weidekamp wurde bereits zu nächtlichen Stunden von den Dorfbewohnern aufgesucht, damit die Familien sowie das Vieh am nächsten Tag nicht ganz ohne Wasser auskommen mussten.
Aus dieser Erfahrung heraus und aufgrund der Tatsache, dass das Dorf Windhausen in der Gemeinde Attendorn das letzte Dorf ohne zentrale Wasserversorgung war, wurde die Entscheidung getroffen, eine eigene zentrale Trinkwasseranlage aufzubauen.
Der in einer Dorfversammlung am 20.03.1958 gewählte Ausschuss sollte den Bau der Wasserleitung einleiten.
Zitat aus einem Presseartikel vom 20. März 1958:
„Die Baumaßnahme begann im Jahr 1960. In einer nur 2-jährigen Bauzeit war die zentrale Wasserversorgung mit dem Rohrleitungsnetz, dem Hochbehälter und dem Pumpenhäuschen im Dahl fertiggestellt. Die Erdarbeiten führte die Fa. Seelbach aus, die Installationsarbeiten der Rohrleitungen nahm der Handwerksbetrieb Bruse aus Attendorn vor.“
In diesem ersten Schritt der eigenen Wassergewinnung erfolgte die Speisung des Hochbehälters ausschließlich durch die im Dahl befindlichen Oberflächenquellen. Die Aufgabe bestand darin, mit Pumpe und Druckleitung bei einem Höhenunterschied von ca. 250 m das frische Trinkwasser aus dem Dahl in den Hochbehälter zu befördern - nur so konnte die Versorgung des Dorfes erfolgen.
(Übrigens wurde der Graben für diese Druckleitung durch den Weidekamp mit einem Pflug/Pferdegespann von Josef Rauterkus gezogen).
Die Gesamtkosten der Maßnahme betrugen rund 70.000 DM, wobei die Landesregierung die Investition mit einem Erschließungszuschuss von 50.000 DM unterstützte.
Nach Fertigstellung und Inbetriebnahme der Wasserleitung sowie der baulichen Anlagen erfolgte die offizielle Einweihung der neuen Trinkwasseranlage in einem Festzelt, welches in der Dorfmitte neben der Gaststätte David Müller aufgebaut war.
Im August 1962 fand die erste offizielle Verbandsversammlung statt. Neben der Festsetzung des Wasserpreises von 20 Pfennig zzgl. einer Grundgebühr von 45 Pfennig pro cbm war die Ergänzungswahl des Vorstandes auf die heutige .Anzahl von 9 Personen der wichtigste Tagesordnungspunkt. Der erste offiziell in einer Verbandsversammlung gewählte Vorstand setzte sich aus folgenden Personen zusammen:
- Theo Zacker(Vorsteher)
- Albert Hüttemann (Protokollführer)
- Josef Rauterkus
- Josef Wacker
- Harry Stahl
- Alfred Zacker
- Siegfried Guntermann
- Aloys Rauterkus
- Robert Schulte
Aus dem ersten Protokoll kann man deutlich erkennen, dass die Dorfbewohner sehr erleichtert waren über die nun gesicherte, sehr praktische und hygienisch einwandfreie Wasserversorgung. Um mögliche Versorgungsengpässe in der Zukunft zu vermeiden, wurde beschlossen, eine jährliche Vieh- und Personenzählung durchzuführen, damit bei erkennbarem Anstieg des Wasserverbrauches frühzeitig die Erweiterung der Vorratsbehälter geplant wird.
Zum Ende der 60er Jahre erhöhte sich der Lebensstandard in der Bundesrepublik aufgrund verbesserter Rahmenbedingungen in Politik und Wirtschaft.
Auch die Hauseigentümer in Windhausen arbeiteten energisch an der weiteren Verbesserung ihrer Hauskultur. Mit der Einrichtung von Badezimmern, Nutzung von ersten Waschmaschinen und der Installation von Spülklosetts wurde die Lebensqualität weiter gesteigert; diese modernen Anschaffungen führten dazu, dass sich der Wasserbedarf innerhalb von nur 8 Jahren von 10.000 cbm auf ca. 20.000 cbm verdoppelte.
Um den steigenden Wasserbedarf zu decken, erweiterte der WBV 1968 den Hochbehälter auf das heutige Fassungsvermögen von 170 cbm.
Bereits im Jahre 1971 trat wiederum ein weiterer Versorgungsengpass auf, mit der in einer Verbandsversammlungen lange diskutierten Frage:
„Soll das Dorf Windhausen nun bei nicht ausreichendem Oberflächenquellen an die Kreiswasserwerke angeschlossen werden?“
Nach heftigsten Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten haben die Dorfbewohner in der Verbandssitzung im Jahre 1974 mehrheitlich beschlossen, eine erste Tiefenbohrung bei Gesamtkosten von ca. 23.000 DM durch die Fa. Vormann aus Münster durchführen zu lassen.
Diese Investition bedeutete für jeden einzelnen Hauseigentümer einen Einmalbeitrag von 175 DM. Durch 2 Wünschelrutengänger (August Schutte, Weltringhausen und Kreiskulturbaumeister Ginsberg, Lüdenscheid) wurde die Bohrstelle am Pumpenhaus im Dahl festgelegt, die in einer Tiefe von nur 45 m eine Kreuzstelle von 3 Wasseradern versprach. Die Bohrarbeiten mussten nach 4 Tagen ohne Erfolg auf Wasser abgebrochen werden - die Aktion war gescheitert - die Stimmung im Dorf angespannt.
Der Vorstand beschloss kritischer Meinungen im Dorf, eine zweite Bohrung auf neues Risiko oberhalb des Weges am Pumpenhaus durchzuführen, nachdem mit Wasserlot und Wünschelrute bei veränderten Gesteinsschichten ausreichende Wasservorräte in bereits 30 m Tiefe geortet wurden. Diese Bohrung brachte den gewünschten Erfolg bei einer Wasserleistung von 3 cbm in der Stunde.
Die Versorgung des Dorfes war langfristig gesichert, die Übernahme durch die Kreiswasserwerke abgewandt, und der Vorstand zeigte sich lt. Protokoll nach Tagen der Anspannung sichtlich erleichtert.
Eine zweitere Bohrung im Jahre 1978 diente bei einer erreichten Tiefe von 115 m der langfristigen Sicherung der Wasserversorgung.
Bei dieser Tiefenbohrung hat man fachlichen Rat und Gottes Hilfe kombiniert, denn ein Bruder, Namens Tenbrock aus dem Kloster Vallendar, zeigte seine Fähigkeiten als Wünschelrutengänger. Er legte mit einer 100%-igen Genauigkeit die Wasserader in einer Tiefe von 100 m fest, die dann auch nach durchgeführter Bohrung sofort den vom Himmel prognostizierten Wassererfolg brachte.
Diese 2 Tiefenbohrungen sowie das Wasser der Oberflächenquellen versorgen unser Dorf bis zum heutigen Tage.
Im Jahre 1986 hat der Verband das gesamte Grundstück im Quellgebiet erworben, einschließlich der Rechte aus den Quellspeisungen.
Die heutige Trinkwasserversorgung ist naturnah angelegt. Die aktuell erbaute Entsäuerungsanlage mit Kosten von 55.000 DM garantiert dem Dorf konstant gutes und unbelastetes Trinkwasser. Die mit 45.000 DM generalüberholte elektrische Anlage sichert die Wasserförderung.
Die Begehungen der Anlagen mit den Vertretern des Gesundheitsamtes und der Unteren Wasserbehörde bestätigen seit Jahren diese hervorragende Trinkwasserqualität sowie den guten Zustand der baulichen Anlagen.
Nach dem Tod des ersten Vorstehers Theo Zacker, der 28Jahre im Amt war, übernahm 1989 sein Sohn Wolfgang Zacker die Leitung Verbandes.
In den Jahren 1992 bis 1994 wurde die Kanalbaumaßnahme in Windhausen mit Teilerneuerung der Rohrleitungen begleitet, so dass sich das Wassernetz in den meisten Straßenzügen in einem guten Zustand befindet. Lediglich die Wasserleitung der Höhenstraße bereitet dem Vorstand und auch den Anwohnern Kopfzerbrechen, da hier noch die alte Leitung aus dem Jahr 1960 liegt und somit häufiger Rohrbrüche auftreten.
Die Finanzlage des Verbandes war stets als geordnet zu bewerten, obwohl insbesondere nach den Gründungsphase ein für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hoher Schuldenberg von ca. 20.000 DM bestand. Diese Kreditsumme wurde in den 60er Jahren bei der damaligen recht kleinen Dorfgröße von den Mitgliedern als besorgniserregend beurteilt.
Die Investitionssumme von ca. 140.000 DM, die im Zuge der Kanalbaumaßnahme mit einer Kreditsumme von 80.000 DM getätigt wurde, bereitete dagegen sowohl den Dorfbewohnern wie auch dem Vorstand ein nicht mehr so großes Kopfzerbrechen.
Diese geschichtliche Entwicklung des Verbandes ist geprägt von allen Vorstandsmitgliedern, die sich innerhalb der 40 jährigen Verbandszeit engagiert für die Wasserversorgung des Dorfes eingesetzt haben. Hierzu zählen:
- Josef VVacker (35 Jahre Vorstand)
- Josef Rauterkus (30 Jahre)
- Siegfried Guntermann (34 Jahre im Vorstand·und 2. Vorsteher)
- Hubert Tump (15 Jahre Protokollführer)
- Harry Stahl (20 Jahre)
Eine besondere Ehre gilt auch den verstorbenen Vorstandspersonen:
- Theo Zacker (28 Jahr Vorsteher)
- Albert Hüttemann (15 Jahre als Protokollführer tätig)
sowie den Männern der ersten Stunde:
- Alfred Damm
- Johann Sonntag
- Peter Keseberg
- Franz Zacker.
Ein besonderer Dank gilt den in diesem Jahr nach 40-jähriger ehrenamtlicher Tätigkeit ausgeschiedenen Gründungsvorstandsmitgliedern
- Aloys Rauterkus (unser Akki genannt)
- Robert Schulte
Beide Herren haben sich seit 40 Jahren stark für die Wasserversorgung in Windhausen eingesetzt und sehr viel Freizeit im Sinne des Verbandes geopfert.
Diesen beiden Vorstandsmitgliedern wird eine besondere Ehrung ausgesprochen.
Der heutige aktive Vorstand ist allen bekannt; dieser wurde nach dem Ausscheiden von unseren 40-jährigen Gründungsmitgliedern Thomas Drexelius und Peter Hecker aktuell ergänzt.
Zum Schluss dieser geschichtlichen Zusammenfassung möchte ich auf das kostbare Gut, auf unser Wasser eingehen.
- 7/10 der Erdoberfläche unseres Planeten ist mit Wasser bedeckt
- der Mensch besteht au 75% Wasseranteil
- die Pflanzen sogar bis zu 95%
Wasser wird in allen Bereichen der Haushalte und Wirtschaft für sehr vielseitige Zwecke genutzt und ist zudem noch das wichtigste Grundnahrungsmittel, ohne das kein Leben möglich ist.
Inder heutigen Zeit wird mit sauberem Trinkwasser nicht immer so bewusst umgegangen, wie das in den Zeiten der Wasserknappheit war.
Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, dass die Wasserbeschaffung ein Versorgungsverfahren ist, welches die Natur in den Grundzügen geprägt hat und dieses nur so lange funktionieren kann, wie alle Bewohner mit der Umwelt verträglich und schonend umgehen.
Der heutige Preis des Wassers ist im Vergleich zu allen anderen Konsumgütern als verhältnismäßig gering zu bewerten.
- 1 Glas Milch kostet umgerechnet 3 Pfennig
- 1 Glas Wein, je nach Qualität und Güte zwischen 3 und 5 DM
- 1 Glas Champagner sogar bis zu 8 DM
- den normalen Bierpreis kennt jeder von uns
Aber haben Sie sich einmal vor Augen geführt, was tatsächlich 1 Liter Frischwasser erster Qualität in Windhausen kostet?
Für den Preis von 1,80 DM erhalten sie 1.000 Liter frisches Wasser mit höchster Qualität - bis ins Haus geliefert. Umgerechnet kostet somit 1 Liter Wasser 0,18 Pfennig bzw.ein Glas Wasser in der Größenordnung eines Bierglases nur 0,04 Pfennig.
Somit könnten Sie für 1 Glas Bier am heutigen Abend bei einem Sonderpreis von nur 50 Pfennig vergleichsweise ca. 1.400 Gläser Wasser trinken. Für ein Glas Bier zum Normalpreis von 1,80 DM sogar 5.000 Gläser.
Aber nun genug der geschichtlichen Worte und der Zahlenspielereien.
Auch ich haben mir einige 50 Pfennigstücke eingesteckt, die ich trotz des günstigeren Wasserpreises und der Top-Qualität des Windhauser Trinkwassers gerne in den Gerstensaft nach Deutschem Reinheitsgebot investiere.
